Auf Augenhöhe mit den Kindern

Bericht vom europäischen Kongress "Quality4Children"

02/06/2005 - Beim ersten europäischen Kongress "Quality4Children" zur Fremd-unterbringung von Kindern, der vom 1.-2. Juni in Gmunden, Österreich, stattfand, waren sich alle Teilnehmer(innen) einig: Ohne die Beteiligung der betroffenen Kinder und Jugendlichen würde einem Projekt, das die Sicherung und Entwick-lung von verbindlichen Qualitätsstan-dards zum Ziel hat, die Basis fehlen.

Emmanuel Sherwin (IFCO-Vorstands-mitglied)

Auf dem Kongress in Gmunden, zu dem Teilnehmer(innen) aus 54 Ländern ange-meldet waren, wird einmal mehr deutlich, was "im besten Interesse" des Kindes wirklich bedeutet: Die Kinder und Jugend-lichen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können (allein in Europa und Zentralasien geschätzte zwei Millionen), sind die wahren Experten in eigener Sa-che. Bei der Verbesserung ihrer Entwick-lungschancen kommt ihnen eine Schlüs-selrolle zu.

In Gmunden waren deshalb auch Jugend-liche eingeladen, sich auszutauschen und ihre persönlichen Erfahrungen, Einschä-tzungen, Anliegen, ihr Fachwissen einzu-bringen, das in "Quality4Children" einflie-ßen wird. Ein Jugendlicher aus Irland bringt die Situation der Betroffenen auf den Punkt: "In Markterhebungen werden die Konsumenten befragt, warum im sozialen Bereich die Produzenten?" Eine Jugend-liche aus den Niederlanden meint: "Wir stehen außerhalb. Sie hören uns zwar zu, aber handeln nicht danach." Die Lebens- und Entwicklungsbedingungen, die fremd untergebrachte Kinder und Jugendliche vorfinden (aber durchaus auch Kinder in-nerhalb ihrer eigenen Familien), entspre-chen in vielen Bereichen nicht ihren Be-dürfnissen. Teilhabe wird von den Ju-gendlichen explizit gewünscht, denn: "Wir haben die Erfahrung. Wir haben kreative Ideen. Wir haben einen anderen Blick-winkel. Wir werden von euren Entschei-dungen bestimmt. Wir sind der wichtigste Teil des Systems."

Dem stimmt auch der deutsche Sozial-pädagoge Klaus Wolf zu: Kinder haben Rechte, unveräußerlich, ohne Bedingun-gen, von Beginn des Lebens an - und es sind nicht wir, die sie ihnen geben. Es genügt nicht, sie in "Sonntagsreden" zu proklamieren. Einen ähnlichen Anspruch erhebt Andrew Hosie, Dozent für Heimer-ziehung in Glasgow: Beratung bedeute nicht, in erster Linie zu reden, sondern in erster Linie zuzuhören.

Qualität für alle Kinder?

FICE -Präsident Theo Binnendijk, der ge-meinsam mit IFCO-Präsident Chris

Gardiner und SOS-Kinderdorf-Präsident Helmut Kutin den Kongress eröffnet, stellt gleich zu Beginn der Tagung fest: "Wir wünschen uns, dass 'Quality4Children' für alle Kinder gilt."

FICE-Präsident Binnendijk, SOS-Kinder-dorf-Präsident Kutin und IFCO-Präsident Gardiner (v.l.n.r.)

Das bekräftigt auch der Sozialpädagoge Heinrich Kupffer und stellt eine provokante Frage: Warum fragen alle nach der Erzieh-ungsqualität in der Fremdunterbringung und nicht in den Familien? In einigen Fa-milien, so Kupffer, wäre es gut, wenn es so zuginge wie in manchen Heimen. Das Aufwachsen in der biologischen Familie sei keinesfalls gleichzusetzen mit "Quali-tät". Und wenn "Erziehungsqualität" dem Kongress ein Anliegen sei, dann müsse dieser Qualitätsanspruch für alle Kinder gelten - auch für jene, die in ihren Familien aufwachsen.

Wobei es mit der Qualität so eine Sache sei: Pädagog(inn)en müssen in ihrer Ar-beit kreativ sein, frei sein, sich nicht zu sehr nach Normen strecken müssen, denn was für das eine Kind gut ist, kann für das andere den falschen Weg bedeu-ten. Standards, so Kupffer, könnten allen-falls für organisatorische Fragen, wie etwa die Ausbildung, entwickelt werden und sind lediglich in Hinblick auf die gesell-schaftliche Anerkennung oder die Verstän-digung zwischen Kolleg(inn)en aus ver-schiedenen Ländern wichtig. Qualität in der Erziehung bedeute aber mehr, als diese Standards zu befolgen: Sie umfasse einen gewissen Stil des Umgangs, Enga-gement der Mitarbeiter(innen), ein be-stimmtes Menschenbild. Reife, die man entwickeln muss. Und "Entwicklung" ist nicht, wie Erziehungswissenschaftlerin Eva Dreher aus Wien in ihrem Referat aus-führt, eine Sache, die für Kindheit und Ju-gend gilt, sondern wird heute als ein Pro-zess verstanden, der sich über die gesam-te Lebensspanne hinzieht.

Gemeinsam handeln

Viele Themenbereiche wurden auf dem Kongress angeschnitten, viele Fachleute, Organisationen, Initiativen trafen sich zum Austausch und zum gemeinsamen Arbei-ten für ein gemeinsames Ziel. Die Notwen-digkeit, an einem Strang zu ziehen, betont auch IFCO-Präsident Chris Gardiner in seiner Eröffnungsrede. Wobei keinesfalls die Beteiligung der Jugendlichen verges-sen werden darf: "Begeben wir uns auf Augenhöhe mit den Kindern", fordert SOS-Kinderdorf-Präsident Helmut Kutin.

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